Postwachstum

„Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze,
ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung,
ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen.“

So bewarb Bundeskanzlerin Angela Merkel 2009 das sogenannte „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ als Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Doch wenn die Wirtschaft wächst, dann bedeutet das auch, dass natürliche Ressourcen verbraucht werden: Immer mehr Rohstoffe werden aus der Erde entnommen, unter Aufwendung von Erdöl und anderen Energiequellen weiterverarbeitet, über lange Strecken transportiert, genutzt und irgendwann auch wieder weggeworfen und entsorgt. Ebenso steht Wachstum in engem Zusammenhang mit dem stetig zunehmenden Ausstoß von Klimagasen wie CO2. Insbesondere der fortschreitende Klimawandel hält es uns vor Augen: Wachstum stößt an ökologische Grenzen. Endlich Wachstum!?

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Trotz umfassender Nachhaltigkeitsrhetorik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gilt das am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene wirtschaftliche Wachstum noch immer als wichtigster Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft. Der Wachstumszwang in unserem System wird kaum hinterfragt. Wachstum und die daran gekoppelte Wohlstandsdefinition sind allerdings nicht allein auf der Agenda von Politik und Unternehmen zu finden. Die Wachstumslogik durchdringt und prägt maßgeblich auch unser alltägliches Denken und Handeln. Viele unserer Lebensfelder, ob Familie, Freizeit oder Arbeit, werden mehr und mehr von der Ökonomie bestimmt und unterliegen der Vorstellung unbegrenzter Zunahme, vor allem des materiellen Konsums. Dabei stellen immer mehr Untersuchungen den Zusammenhang von Wachstum und Wohlstand und insbesondere dessen Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit infrage. Angesichts der eklatanten Ungleichheit der Verteilung des materiellen Wohlstands auf dem Planeten stellt sich hier zudem die Frage nach globaler Gerechtigkeit.

Vor diesem Hintergrund bekommen Debatten um Nutzen und Grenzen wirtschaftlichen Wachstums zurzeit ein immer größeres Gewicht in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Gerade im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise wird Wachstum als ein Grundzug der kapitalistischen Wirtschaft in vielen Ländern kritisch diskutiert.

Die historischen Wurzeln der Debatte im Globalen Norden reichen bis in die 60er- und 70er-Jahre zurück. Am bekanntesten ist der viel diskutierte Bericht an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“. Darin wurde bereits 1972 geschlussfolgert, dass die Menschheit noch vor dem Jahr 2100 ohne viele der benötigen Rohstoffe dastehen und ihre Wirtschaft kollabieren würde, wenn diese weiterhin so viele Ressourcen verbrauche und die Weltbevölkerung im gleichen Tempo weiter zunehme. Heute, über 40 Jahre später, zeigen sich die Grenzen des Wachstums noch deutlicher und das Wachstumsparadigma wird zunehmend angezweifelt. Historische Wurzeln der Debatte liegen aber ebenso im Globalen Süden. Nachhaltigkeit ist keine Erfindung der europäischen Moderne, sondern uraltes Wissen in zahlreichen Regionen der Welt.

Die Positionen der aktuellen Wachstumskritik in Deutschland sind breit gefächert. Zahlreiche Autor*innen skizzieren unterschiedlichste Alternativen, die von konservativer Rückbesinnung über eine Steady State Economy mit Nullwachstum, vom Green New Deal mit einem Wachstum „grüner“ Technologien bis hin zu einer Postwachstumsökonomie mit Wachstumsrücknahme bzw. Schrumpfung reichen. Mittlerweile sind zumindest einige Aspekte der Wachstumskritik auch auf höchster politischer Ebene angelangt, nachdem die Bundesregierung 2010 die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ ins Leben gerufen hat. Diese geht unter anderem Fragen nach dem Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft nach und beschäftigt sich mit der Suche nach einem ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator als Ergänzung oder Ersatz für das BIP.

FairBindung e.V. setzt sich für eine Gesellschaft ein, deren ethischer Grundwert Gerechtigkeit ist. Dies gilt für den lokalen, den regionalen und den globalen Maßstab. Wenn wir den Anspruch eines Lebens in Würde für alle Menschen auf der Welt haben und Wachstum für Millionen Menschen im Globalen Süden brauchen, um ihre Grundbedürfnisse befriedigen zu können, stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Ökonomien im Globalen Norden noch weiter wachsen dürfen und wie Wachstum im Globalen Süden aussehen könnte. Damit begeben wir uns auf die Suche nach Alternativen zum Wirtschaftswachstum und möchten dazu einladen, eine Gesellschaft und Wirtschaft jenseits des Wachstums – eine Postwachstumsgesellschaft – mit zu entwickeln, die die ökologischen Grenzen des Planeten achten und sich an den Prinzipien Solidarität, Demokratie und globale Gerechtigkeit orientieren.

Insbesondere haben wir dieses Themenfeld zum Fokus unserer Bildungsangebote und der von uns gestalteten Bildungsmaterialien gemacht.

Solidarische Ökonomie

Unter einer Solidarischen Ökonomie verstehen wir solche Formen des Wirtschaftens, die nicht den individuellen Vorteil und Profitstreben zum Ziel haben, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse auf der Basis von Solidarität, Kooperation und demokratischer Teilhabe in den Mittelpunkt stellen. Dies schließt für uns auch den verantwortungsbewussten und damit nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen und dem Planeten Erde ein. Wir orientieren uns bei FairBindung e.V. an dem Leitbild einer solidarischen und nachhaltigen Wirtschaft, die wir einerseits in unserem eigenen Wirtschaftsbetrieb mit dem Kaffeehandel zu verwirklichen suchen und zugleich indem wir durch die Vereinsarbeit, insbesondere auch unsere Bildungsprojekte den Gedanken der Solidarischen Ökonomie und der Nachhaltigkeit weiter verbreiten.

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Was ist Solidarische Ökonomie?

Eine allgemeingültige Definition zu Solidarischer Ökonomie gibt es nicht. Es existieren zahlreiche Ansätze, Vorstellungen und Ideen, die sich unter diesem Begriff subsummieren lassen. Der Begriff unterliegt dabei einer äußerst heterogenen Verwendung, die abhängig von Kontext und Region, hinsichtlich der ihr zugehörigen Akteur*innen, der Abgrenzung zu Staat und Markt etc. variiert. Zudem sind zahlreiche weitere Begriffe im Umlauf, die teilweise synonym verwendet werden (Economía Social/Social Economy/Solidary Economy/Economia Solidária). Wir verstehen unter dem zunächst paradox erscheinenden Begriffspaar Solidarische Ökonomie solche Formen des Wirtschaftens, die nicht den individuellen Vorteil und Profitstreben zum Ziel haben, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse auf der Basis von Solidarität, Kooperation und demokratischer Teilhabe in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehören die folgenden Werte und Prinzipien:

  • Demokratische und partizipative Strukturen, in denen allen das gleiche Mitspracherecht zuteil ist
  • nicht für den persönlichen Profit zu wirtschaften, sondern sich an den Bedürfnissen der Mitarbeiter*innen sowie der Gemeinschaft zu orientieren
  • nicht zu konkurrieren sondern zu kooperieren und sich im Sinne der Solidarität gegenseitig zu unterstützen
  • aus eigener Initiative und basierend auf Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe zu wirtschaften
  • sich am Leitbild der Nachhaltigkeit orientieren und sorgsam mit natürlichen Ressourcen umgehen

Solidarische Ökonomie kann in unterschiedlichen Räumen und Dimensionen stattfinden. Meist wird sie auf lokaler Ebene praktiziert. Fairer Handel, der in der Regel große räumliche Distanzen überwindet – in unserem Fall von Santiago de Atitlán nach Berlin ganze 10.000 km – kann jedoch auch als Form der Solidarischen Ökonomie bezeichnet werden. Solidarische Ökonomie kann also unterschiedlich große wirtschaftliche Einheiten umfassen. Sie manifestiert sich entweder in Form solidarischer Einzelunternehmen oder Projekte (selbstverwaltete Betriebe, Kooperativen, gemeinschaftliche Wohnprojekte, Tauschringe, Umsonstläden etc.), anhand großer Zusammenschlüsse von Kooperativen, oder in Gestalt alternativer regionaler Wirtschaftssysteme (z.B. ALBA). Einschränkend ist jedoch festzuhalten, dass Solidarische Ökonomie nicht jede beliebige Form ökonomischer Selbstorganisation umfasst, vielmehr müssen bewusst solidarische Ziele durch wirtschaftliches Handeln verfolgt werden. Solidarische Ökonomie besitzt dabei zwei Facetten: Zum einen die Kritik am bestehenden ökonomischen System, sowie zum anderen die praktische Erprobung von Alternativen. Insbesondere in Lateinamerika erfährt die Solidarische Ökonomie heute eine dynamische Entwicklung. Doch auch in Deutschland erfahren Formen des solidarischen Wirtschaftens in den vergangenen Jahren wieder vermehrt Interesse. So hat sich gerade das Netzwerk Solidarische Ökonomie gegründet, um die Vielzahl der Betriebe, Organisationen und Netzwerke der Solidarischen Ökonomie noch stärker miteinander zu vernetzen und die politischen Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu verbessern.

Was heißt Solidarität?

Der Begriff der „Solidarität“ durchläuft eine lange begriffsgeschichtliche Entwicklung. Seine historischen Wurzeln reichen von der Rechtskategorie über die Verwendung als revolutionäre Lösung bis hin zur Kampfsolidarität des Marxismus. Somit erlebt die Solidarität im Laufe der Zeit einen vielfachen Bedeutungswandel, der sich noch heute in sehr heterogenen Auffassungen manifestiert. Trotzdem weist die Solidarität zumindest ein gemeinsames Element auf: Die „Idee eines wechselseitigen Zusammenhangs zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von Menschen.“ Der Zusammenhalt basiert auf substantiellen und inneren, sprich emotionalen, Gemeinsamkeiten und hat daher den Charakter einer Gemeinschaft. Dieser Gemeinschaftscharakter schließt sowohl die Erwartungshaltung, Hilfe im Bedarfsfall zu bekommen, als auch die Bereitschaft diese Hilfe zu leisten, mit ein. Hilfsbereitschaft darf in diesem Kontext nicht als bloße Philantrophie verstanden werden sondern als Mittel, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Dabei werden Weg und Ziel auswechselbar, erfahren die Gemeinschaftsmitglieder doch schon auf dem Weg, was der Mensch zu sein vermag, sobald er sein Ziel erreicht hat. So stellt BAYERTZ in seinem Sammelwerk über Begriff und Problem der Solidarität fest: „[Die] praktizierte Solidarität wird zu einem Stück gelebter Utopie, zur [partiellen] Realisierung eines bisher unrealisierten Ideals.“ Die bloße Gemeinsamkeit der Interessen ist jedoch nicht hinreichend für Solidarität. Der Gemeinschaft und ihre Absichten wird in ihren Handlungen Legitimität unterstellt. Hilfe wird mit dem vollen Bewusstsein erbracht, wichtige und berechtigte Interessen durchzusetzen; schließlich sind Ziel und Selbstverständnis politischer und sozialer Emanzipationsbewegungen in ihrer Wahrnehmung immer die Realisierung gerechter Ziele, nicht die Durchsetzung nackter Interessen.